Ein Bär im Tierpark Olderdissen bei Bielefeld

Who killed Bambi?

Mit Kulleraugen, Tierrecht und letzten Optionen im Tierpark Olderdissen beschäftigt sich Aiga Kornemann

Nieselregen bestäubt den Hof. In gelockerter Formation schreitet ein Dutzend Kanadagänse übers feuchte Pflaster Richtung Teich. Ein Reiher schwebt vorüber, Enten schnattern. Vorsaison in Olderdissen. Die Bielefelder lieben ihren Heimattierpark. Bis zu einer Million Besucher pro Jahr muss er inzwischen verkraften. Der Eintritt ist frei. 90 europäische Tierarten werden hier auf 16 Hektar im Teutoburger Wald gehalten, zwischen Bäumen, Teichen und Gebüsch, an Wiesen, auf denen Futter für sie wächst. Vom regenschweren Waldgrün kaum zu unterscheiden schlendert ein Mann in grünem Overall über den Hof, schiebt den Kragen seiner Jacke hoch. Seit dreißig Jahren ist Markus Hinker Tierpfleger und perfekt ans westfälische Grauwetter angepasst. Während er am Kaffee nippt, weht vom Wildschweingehege eine Andeutung scharfen Wildgeruchs herüber. Auf der anderen Seite des Geländes kraxeln Steinböcke auf Gebirgsattrappen, Wisente mampfen warmes Heu. »Machen wir uns nichts vor«, sagt Bielefelds Chef-Tierpfleger: »Den Tieren im Tierpark geht es nur so gut, wie wir es ihnen gut gehen lassen.« Ein Lieblingstier habe er nicht. »Das wäre doch gemein.« Schließlich sei ein Rattenbaby ähnlich süß und schmerzempfindlich wie ein Lämmchen, wer wolle das entscheiden.
Das Bärengehege wirkt verwaist, Max und Jule schlafen. Am Geländer informiert ein laminiertes Blatt, dass die beiden Winterruhe halten. Sinngemäß: »Kommen Sie doch einfach in ein paar Wochen wieder.« Von einer Zeit, in der Tiere ohne Rücksicht auf ihre natürlichen Bedürfnisse ausgestellt wurden, klingt hier nichts an.

Die Kassenmagneten leiden

Tierrechtler bemängeln, dass Zoos immer noch Tiere halten, die man nicht »artgerecht« halten könne. Eisbären, Menschenaffen, Großkatzen und Elefanten sind die Kassenmagneten – in Gefangenschaft leiden sie. Darüber dürfen auch die mit vielen Steuermillionen aufgepeppten »naturnahen Erlebnisoasen« nicht hinwegtäuschen, die Zoos seit den 1980er Jahren in vor allem auch fürs Publikum attraktivere Gehege gesteckt haben, bemängelt etwa ›Vier Pfoten‹. Damals forderten Tierrechtler vor den Toren großer Zoos: »Macht die Klitsche dicht.« Drinnen leckten Menschenaffen zwanghaft ihr eigenes Erbrochenes vom Betonboden, Elefanten schaukelten pausenlos den Kopf hin und her, Großkatzen schnürten sich Arthrosen in die Tatzen und Eisbären tapperten im Kreis, als seien sie an ein unsichtbares Karussel gekettet. Die Zustände in Zoos haben sich gebessert, dennoch gehöre die Nachzucht von Zootieren verboten.
»Nachwuchs zu haben, gehört zu einer artgerechten Haltung«, ist Markus Hinker überzeugt: »Wir würden den Tieren Lebensqualität nehmen, wenn wir das unterbinden.« Außerdem hätten Zoos und Tierparks den gesetzlichen Auftrag, sich am Artenschutz zu beteiligen. Darum staksen beispielsweise Brachvögel aus Olderdissen durch den Zoo in Berlin. Steinkäuze aus dem Bielefelder Heimattierpark knacken Mäuse im Nördlichen Harzvorland. Drei Bielefelder Wisente, die größten europäischen Wildrinder waren fast ausgestorben, wurden in Polen und den rumänischen Karpaten ausgewildert: »Das war ein Highlight«, erinnert sich Hinker.

Auswilderung als Highlight

In Zoos sei Auswilderung die Ausnahme, das Argument Artenschutz zu betreiben nur vorgeschoben, bemängelt die Tierrechtsbewegung. Tiger, Menschenaffen, Löwen, Giraffen, Eisbären & Co. haben in menschlicher Obhut keine Chance, die Jagdtechniken und das Verhalten zu Artgenossen zu lernen, das sie fürs Überleben in der Natur brauchen. Darum können die Publikumslieblinge gar nicht ausgewildert werden. Die Abermillionen Euro, mit denen Zoos eine Scheinwelt inszenieren, könnten in Artenschutzprojekten vor Ort ungleich größere Erfolge erzielen, wettert ›Peta‹. Aus rein wirtschaftlichen Interessen würden jedes Jahr Tierbabies in Massen produziert, heißt es. Vor zehn Jahren brachte ›Peta‹ an die Öffentlichkeit, dass der Safaripark Stukenbrock 29 Bengalentiger aus eigener (In)Zucht nach China verkauft hatte, wo Raubkatzen industriell zu Potenzmitteln verarbeitet werden. Vor sechs Jahren stellte ›Peta‹ Deutschland in Osnabrück Strafanzeige gegen ein Dutzend deutscher Zoodirektoren, die Tausende »ausgedienter« »überschüssiger« Tiere an einen dubiosen Tierhändler »verramscht« haben sollen. Der hat sie dann unter anderem an ein Tierversuchslabor und ein Exotenrestaurant weiterverkauft.
In ihrer Volière blickt eine Schneeeule kritisch vom Ast herab, klimpert kurz mit dem linken gelben Auge, dann mit dem rechten. In ihrer schwarzen Kralle klemmt ein totes Eintagsküken. Frühstück. »Mäuse wären viel zu teuer«, rechnet Markus Hinker vor. So profitiere der Tierpark von Massentierhaltung. »Ein Dilemma.«
Kühle Feuchtigkeit sammelt sich zu Tropfen im Laub, die regnen herab. Ein Luchs gähnt in seiner Schutzhütte. Wenn Max und Jule aufwachen, werden sie wieder Leckeres aus gelochten Futtertonnen pulen oder »Eisbomben«, in Eimern gefrorenes Obst und Gemüse, aus dem Bärengraben fischen können. »Die Bären beschäftigen sich auch miteinander, das würden sie in Freiheit nicht tun«, erklärt Hinker. Marder, Bären, Wildkatzen sind eigentlich Einzelgänger. Sie paarweise zu halten sei eher ein Zugeständnis an die Besucher des Tierparks, die einzeln gehaltene Tiere als einsam und unglücklich wahrnehmen, obwohl sie das nicht wären.
»Wir müssen solche Zugeständnisse machen«, gerät der Tierpfleger in Wallung: »Wir zeigen Tiere, damit Menschen sie kennenlernen, ein Verhältnis zur Natur entwickeln. Nur was man kennt, kann man schützen.«

Tiere als Mitwesen

Zu lernen, wie der Mensch sich über Tiere stelle, indem er sie zu seiner Unterhaltung einsperrt, können Tierrechtler nicht pädagogisch wertvoll finden. Vielmehr nehmen sie Tiere als Mitwesen mit gleichem moralischen Anspruch wahr, weil Tiere nachweislich fühlen und leiden.
Kommt ein Salat unters Messer, zeigt er wahrscheinlich eine chemische Reaktion. Das beweist noch nicht, dass er Emotionen hat. Als verlässlichstes Indiz für die Fähigkeit eines Lebewesens, zu empfinden, gilt nach derzeitigem Stand biologischen Wissens das Vorhandensein eines zentralen Nervensystems. Das ist allen Wirbeltieren eigen: Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien. Unter den Wirbellosen hat das europäische Tierschutzgesetz Tintenfischen und Schalenkrebsen Leidensfähigkeit zugesprochen. Darum darf auch ihnen per Gesetz »niemand ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen«.
Als »vernünftige Gründe« gelten beispielsweise die Haltung und Tötung von Tieren, um sie zu essen. In Zoos und Tierparks dürfen Tiere getötet werden, etwa um sie zu verfüttern oder wenn sie durch Nachzucht »überzählig« sind und es keine Möglichkeit gibt, sie anderswo unterzubringen. Der Tierpark Olderdissen hat einen eigenen Schlachtraum für Kaninchen, Schafe, Ziegen, Damwild oder Wildschweine. »Töten ist die letzte Option«, betont Markus Hinker. Olderdissen sei hervorragend vernetzt, Tiere würden in der Regel in andere Tierparks vermittelt, kommen »lebend in gute Hände«. Vor der letzten Option steht das »Populationsmanagement«. Heißt, nur Tierarten zu züchten, für die es eine Nachfrage in anderen Einrichtungen gibt. Verhütungsmittel für weibliche Tiere werden ungern eingesetzt, wegen ihrer Nebenwirkungen, Sterilisation ist ein gröberer Eingriff als Kastration. Also kastrieren, die Geschlechter zumindest zeitweise getrennt halten, Nachzucht ermöglichen, Inzucht vermeiden. Wenn die Tierkinder geschlechtsreif werden und beginnen, die Gruppe aufzumischen, brauchen sie ein neues Zuhause. Dann werde mit anderen Tierparks getauscht. Das sei auch nicht verwerflich, findet Hinker. In Olderdissen gehe es nicht um Profitinteressen. Das Tierschutzrecht werde streng befolgt. Mit dem Fleisch auf dem eigenen Teller stellt sich der bundesdeutsche Durchschnittsbürger weniger pingelig an. Und in Olderdissen springen die Lämmer.

erschienen in: Viertel #33, März 2017 (Foto: aigiko)